Es zerriss mich.
Mit jedem Meter, den wir näher an den Kleiderladen kamen, zerriss es mich innerlich immer mehr. Obwohl ich mehr als 16 Jahre Zeit gehabt habe, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, traf er mich nun doch unerwartet und hart.
„Ich finde es wirklich stark von dir, dass du mitkommst, weil Mama krank geworden ist!“, flötete Vanessa, meine 17-Jährige Tochter mir fröhlich zu und hängt sich kurz an meinen Arm. Auf meiner anderen Seite läuft Luisa, ein Jahr jünger als ihre Schwester, und schmunzelt vor sich hin. Sie ist weniger anhänglich, aber eben doch ein richtiges Mädchen. Das sind sie alle beide. Und obwohl es manchmal nicht ganz einfach in einem Haushalt mit lauter Frauen ist, habe ich nicht einen Tag bereut.
„Das wäre ganz schön teuer geworden, wenn wir uns die Kleider selber kaufen müssten.“, ergänzte Luisa und erntete von ihrer Schwester dafür einen bösen Blick.
Aber ich wusste, wie sie es gemeint hat. Luisa hatte den gleichen schwarzen Humor wie ich, vielleicht war sie deswegen eher das Papa-Kind.
Während die beide Mädchen sich, sobald wir den Laden betreten hatten, gleichzeitig von mir lösten und entfernten, um auf die Suche nach den perfekten Kleidern zu gehen, blieb ich alleine im Eingang zurück und fühlte mich tatsächlich verlassen. Es war vielleicht lächerlich und ich wusste in diesem Augenblick gar nicht, wie oft ich mit meiner Frau schon über dieses Thema nachgedacht und geredet hatte, doch jetzt, wo es endlich so weit war, fiel es mir schwer, meine Gefühle beisammen zu halten.
Ich war noch nie ein richtig emotionaler Mensch gewesen, doch für meine beiden Töchter würde ich alles tun. Deswegen biss ich jetzt auch in den sauren Apfel und begleitete die beiden zum Kleider kaufen. Obwohl ich erstens gar keine Ahnung von Kleidern oder Mode hatte und zweitens der Idee vom anstehenden Abschlussball Vanessas irgendwie skeptisch gegenüber stand. Natürlich, sie war fast erwachsen. Es war ja auch nicht so, als ob ich nicht wüsste, dass sie langsam aber sicher zu einer reifen Frau wurde, Doch sie war noch immer meine Tochter. Genau wie Luisa, die ihrer Schwester in Sachen Freund und Mode in nichts nachstand. Ihr geringer Altersunterschied war in der frühen Kindheit alles andere als angenehm gewesen. Fast, als hätten wir Zwillinge bekommen, doch inzwischen zahlte es sich sozusagen aus.
Ich seufzte tief bei dem Gedanken, die beiden Mädels demnächst in die unsichere Welt der Erwachsenen entlassen zu müssen, ließ mich auf einem der offenbar extra für Männer konzipierten Stühle nieder und vergrub kurz das Gesicht in der Hand.
Ich fühlte mich jetzt schon erledigt. Dabei ging es hier nur darum, Kleider zu kaufen. Immerhin musste ich mit keinem der Mädchen jemals zu Frauenarzt und das war doch schon mal viel wert.
„Papa!“, rief Luise ganz aufgeregt und noch bevor ich wirklich reagiere konnte, hatte sie mir vor lauter Vorfreude sanft gegen das Schienbein gestupst. Ich hob den Blick und sah das kleine Bisschen an Stoff in ihren Händen. „Guck dir das mal an! Ist das nicht traumhaft??“
Sie presste den Hauch von nichts an ihren schmalen Körper, drehte sich einmal im Kreis und sah mich freudestrahlend an. Doch so richtig überzeugt hatte sie mich nicht, und ich glaubte, dass sie das bereits ahnte.
„Nein.“, sagte ich entschieden, ohne weiter auszuführen. Ich musste stark bleiben, hart sein, denn ich wusste, dass ich mich viel zu oft von den beiden einlullen ließ. Das hielt meine Frau mir auch regelmäßig vor. Die Auflage, die sie mir zum einkaufen mitgegeben hatte, lautete: du darfst den Mädchen nur Kleider kaufen, in denen du mich auch mit vor die Tür nehmen würdest.
Und daran hielt ich mich. Nicht nur, weil sie unglaublich unausstehlich werden konnte, wenn sie erst mal krank war, was nicht oft, aber wenn, dann intensiv passierte.
Luisa verzog das Gesicht und ich ahnte, dass ihre zickige Seite gerade Oberhand gewann. Sie steckte noch mitten in der Pubertät und ich verglich sie oft scherzhaft mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber ein Funken Wahrheit steckte noch in jedem noch so schlechten Witz.
„Oh man, jetzt lass doch nicht den Spießer raus hängen!“, zeterte Luisa los und sah mich verständnislos an. Noch immer presste sie das vermutlich knappste aller Kleider an sich und legte den Kopf ein bisschen schief. Ihre Angriffsstellung, die ich nur zu gut kannte und oft genug gesehen hatte. Doch ich schüttelte energisch den Kopf und sah von meinem Stuhl aus zu ihr hinauf, obwohl sie ein wesentliches Stück kleiner war als ich.
„Ich sagte nein.“, wiederholte ich, bleib jedoch ruhig. „Ich sagte, ich gehe mit euch Kleider kaufen. Keine Dessous. Das, was du da hast, zieht man zu irgendeiner Fetischparty an, aber sicher nicht zum Abschlussball seiner großen Schwester. Es gibt so viele Kleider hier. Such dir doch einfach eines aus, das nicht nach erotischen Abenteuern schreit.“
Luisa öffnete den Mund, doch ihr schien kein passender Kommentar einzufallen. Also fluchte sie nur leise , klemmte sich das gewünschte Kleid trotzig unter den Arm und machte sich von dannen.
Kaum war sie weg, sprang mir sogleich Vanessa vor die Nase. Auch in ihren Händen hielt sie etwas. Ich hatte nicht geglaubt, dass es noch ein knapperes Kleid als das von Luisa gab, doch Vanessa bewies mir das Gegenteil.
„Was hältst du hiervon?“, fragte sie mich, ein wenig dezenter als ihre Schwester zuvor, doch auch sie erahnte bereits an meinem Blick, dass ich nicht bereit war, dieses Ding zu kaufen. Und so machte sie sich, ganz ohne weitere Diskussion auf den Weg zurück zu den Kleiderständern. Doch das leise „Mama hätte das erlaubt.“, das ihr 'versehentlich' über die Lippen rutschte, ließ mich erneut aufseufzen.
Natürlich hätte sie das nicht. Und das wusste Vanessa genau so gut wie ich. Aber es war der typische Satz, der leider Gottes auch in der Regel funktionierte, wenn ich alleine mit den beiden unterwegs war. Doch heute musste ich mich zusammenreißen. Schließlich ging es darum, Kleider zu suchen, mit denen die Mädchen vor ihren Mitschülern auftraten. Vor Jungs. Vor fremden, mir unbekannten Jungs, die ich nicht einschätzen oder zumindest einschüchtern konnte. Ich fühlte mich zunehmend schlechter bei diesem Gedanken. Ich wusste, ich musste die beiden irgendwie mal gehen lassen, doch diese 16, 17 Jahre waren wie im Flug vergangen. Noch neulich hatte ich sie bei strahlendem Sonnenschein durch den Park geschoben, und heute baten sie mich schon darum, mit ihnen Ballkleider kaufen zu gehen. Es war, als fehlten diese Jahre. Obwohl ich wusste und fühlte, dass sie definitiv stattgefunden hatten. Ich wünschte einfach nur die Zeit zurückdrehen zu können.
Ich lehnte mich ein wenig zurück.
Es gab so viele Dinge, die ich gerne nochmal erleben würde. Ich bereute keine meiner getroffenen Entscheidungen, auch wenn es in den letzten Jahren aufgrund der pubertären Phase oft und viel Streit gegeben hatte. Wir hatten uns alle immer wieder zusammen gerafft. Wie es sich für eine Familie schließlich gehörte. Und ich erinnerte mich noch genau daran, wie schlecht mir geworden war, als Vanessa mir im zarten Alter von 14 Jahren ihren ersten, festen Freund vorstellte. Ein Möchtegern-Kerl, der es meiner Tochter nicht länger als drei Monate angetan hatte. Wie das in dem Alter eben so war.
Ich schmunzelte lautlos vor mich hin. Damals hatte ich ihre Tränen trocknen dürfen, weil ich sie zufällig weinend im Bad entdeckt hatte. Der erste, richtige Liebeskummer – und ich war hautnah dabei gewesen. Noch heute beneidete mich meine Frau darum, doch sie hatte immerhin Luisa unter die Arme greifen dürfen. Das alles war zwischen uns relativ ausgewogen und ich liebte diese Ehe dafür. Es war unkompliziert, harmonisch und auch nach mehr als 20 Jahre Ehe empfand ich für meine Frau noch intensivere Gefühle als am ersten Tag.
„Was ist mit dem?“
Wieder war es Vanessas Stimme, die an mein Ohr drang. Ich blickte in ihre Richtung, erwartete schon das schlimmste, kürzeste, freizügigste, doch stattdessen hielt sie mir ein schlichtes, dunkelblaues Kleid vor die Nase.
Sie betrachtete mich ebenso skeptisch wie ich ihre Auswahl, doch nach eingehender Untersuchung konnte ich keinen Makel feststellen.
„Probiere das an.“, riet ich ihr und zwang mich zum Lächeln. „Wenn es passt und dir gefällt, kaufen wir es.“
Sie schien erleichtert, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und verschwand mit ein paar tanzenden schritten Richtung Umkleidekabine.
Es folgte Luisa, die sich ebenfalls vor mir positionierte, mich anblickte und eines der Kleider vorsetzte, das vermutlich nur ganz knapp über den Po gehen würde.
Ich zögerte. Und sie merkte das, witterte vermutlich ihre Chance.
„Papa, das ist wirklich nicht so kurz wie das jetzt aussieht!“, erklärte sie mir und schüttelte den Bügel, auf dem das Kleid hing. Bei mir hingegen schüttelte sich der Kopf.
„Wieso suchst du dir nicht etwas, das ein bisschen mehr bedeckt als deine Nieren und den Bauchnabel?“, fragte ich und wieder zog sie einen Schmollmund.
„Du bist ein Mann!“, meckerte sie. „Du verstehst das nicht! Das trägt man heutzutage so! Wir gehen eben nicht wie damals du und Mama im Kartoffelsack zum Abschlussball!“
Ich lachte leise auf, schüttelte abermals den Kopf und erhob mich schweren Herzens.
Lass uns einfach nochmal zusammen gucken gehen.“, schlug ich vor. „Wir finden sicher ein schönes, das dir und mir gefällt.“
Überzeugt schien sie nicht. Doch sie nickte.
Vielleicht wurde sie ja doch endlich ein bisschen reifer.

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