Ich war schon wieder kurz vorm Ausrasten, als ich in allergrößter Eile die Straße überquerte, kaum darauf achtend, dass diese gerade auf Rot übergesprungen war. Es war mir einfach egal. Das kleine Herz in meinem Brustkorb polterte wütend vor sich hin, als ich um die nächste Ecke bog und den Blick gereizt in meiner Handtasche versenkte.
Es war ja so typisch gewesen! Wie hatte ich auch nur diesen ungünstigen Tag wählen können, um bei Toni vorbeizuschauen. Es war so absehbar gewesen! Ich hätte es mir einfach denken können, doch anstatt auf meinen Verstand zu hören, hatte ich natürlich lieber die schmerzhafte Erfahrung machen müssen. Ich war und blieb eben ein hoffnungsloser Fall. Oder viel eher: die Männer, mit denen ich mich abgab, waren eben diese hoffnungslosen Fälle. Tränen drohten mir in die Augen zu schießen und ich hatte Mühe, den großen Kloß herunter zu schlucken, der sich in meinem Hals festgesetzt hatte.
Ich war wütend, enttäuscht und irgendwie verzweifelt, weil es leider nicht das erste Mal gewesen war, dass ich eine derartige Abfuhr erteilt bekam. Und ich wusste bei aller Liebe einfach nicht mehr, woran das liegen konnte.
Es war sicher nicht die Art, wie ich mich kleidete. Die Kleider, die ich trug, kamen immer gut an; sie waren frisch, süß, weiblich. Eben genau das, was Männer haben wollten, denn schließlich sprachen sie mich oft genug an. Was das betraf, kam mir mein Modegeschmack einfach sehr günstig gelegen. Er ersparte mir sozusagen das ewig lange Suchen nach dem perfekten Mann – ich hatte die freie Auswahl. Sie liebten meine Kleider. Nur leider nicht das, was darin steckte. Ich blieb stehen, suchte in meiner mit Blumen verzierten Handtasche, die ich besonders günstig vor einigen Wochen erstanden hatte, nach ein paar Taschentüchern, doch im Rausche meiner Gefühle wurde ich einfach nicht fündig.
Es machte mich fertig. Ich hatte das Gefühl, es war völlig egal, was ich tat. Sobald die Männer realisierten, dass hinter all den hübschen, kurzen Kleidern eine richtige Frau steckte, wurden sie zurückhaltend. Vielleicht hatten sie Angst, vielleicht langweilte ich sie einfach auch nur fürchterlich. Doch die Körbe, die ich bekam, taten inzwischen nur noch halb so sehr weh wie zu Beginn dieser Phase, in der die Männer mich wegzuwerfen begannen. Ich wusste nicht, was sich an mir verändert hatte. Ich hatte Ansprüche, ja, aber die waren durchaus zu erfüllen. Es musste doch irgendeine Art von Trick geben... irgendeine Formel, die es zu erfüllen galt, damit auch ja alles seinen richtigen Gang ging. Eine Superformel, sozusagen, von der ich allerdings keine Ahnung hatte, wo ich sie finden sollte.
Ich starrte mit wässrigem Blick weiterhin in meine Handtasche, dachte verzweifelt an all die Kleider zurück, die mir eigentlich hatten Glück bringen sollen statt tränen, und wühlte weiterhin nach einigen Taschentüchern.
Dabei war mit Toni wirklich alles gut gelaufen.
Vor zwei Wochen hatte er mich auf dem Geburtstag einer Freundin angesprochen, mir Komplimente gemacht. Kurzum, wir hatten uns wirklich gut verstanden. Es war, als hätten wir uns schon jahrelang gekannt und zufällig wiedergetroffen. Seit diesem Abend hatten wir regelmäßig telefoniert und nie, niemals war uns der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich hatte das Gefühl, ihm alles erzählen zu können, denn er wirkte aufmerksam und ehrlich, auch wenn wir diese zwei Wochen nur telefonisch Kontakt hatten. Das war besser als nichts gewesen und hatte mir stets ein Gefühl von einer Art Geborgenheit vermittelt. Deswegen hatte es sich anders angefühlt. Es war intensiv gewesen, auch ohne körperliche Nähe. Als wären wir füreinander bestimmt. Und dann das große Erwachen, das ich eigentlich hätte vorher sehen müssen. Von wegen weibliche Intuition. Ich war blind in diesen Schlund gelaufen, ohne mich nach rechts und links nach dem fließenden Verkehr umzusehen.
Ich schniefte leise vor mich hin, ergriff schließlich die günstigen Taschentücher und fummelte eines von ihnen aus der knisternden Verpackung.
Ich hatte ihn lediglich überraschen wollen und bei ihm zu Hause vor der Tür gestanden. Als mir eine andere Frau die Tür geöffnet hatte, war alles ziemlich eindeutig gewesen.
Toni hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mir irgendetwas zu erklären.
„Sorry, man.“, waren seine einzigen Worte gewesen. Sorry, man. Was zum Teufel sollte ich damit überhaupt anfangen? Diesen erbärmlichen Versuch einer Entschuldigung hätte er sich eigentlich ganz gut sonst wo rein schieben können, anstatt ihn in meine armen Ohren zu setzen! Das klang als wäre es für ihn nichts weiter als ein Spiel gewesen. Oder eine Beschäftigung, die er sich gesucht hatte, weil ihm unglaublich langweilig gewesen war.
Ich verfiel augenblicklich in Selbstmitleid, drückte mir das Taschentuch ins Gesicht und konnte mir nicht anders helfen: ich heulte los. Es waren dicke, brennende Tränen, die ich einfach nicht mehr zurück halten konnte. Grund dafür war nicht einmal Toni selbst. Nicht sein 'Sorry'. Nicht die andere Frau in seinem Türrahmen. Grund dafür war einfach nur die Tatsache, dass es das siebte Mal in Folge war, dass man mich einfach abschob, ohne mir wirklich eine Chance gegeben zu haben. Sieben Mal hatte mal mich nach dem ersten Date stehen gelassen, als hätte ich irgendeinen Fehler begangen, den ich aber einfach nicht finden konnte. Was war der Fehler! Was an mir war Grund genug um mich zu meiden?
War ich zu aufdringlich? War es denn wirklich zu viel für einen Mann, wenn ich einfach spontan bei ihm vorbei schaute, um ein paar Stunden mit ihm zu verbringen? Ganz unverfänglich und ohne bösen Hintergedanken?
Es war mir ein Rätsel. Und dass ich keine Antwort auf diese doch so banale Frage fand, beschäftigte mich nicht erst seit heute, sondern schon seit dem ersten Mal, an dem man mich abserviert hatte. Ich fühlte mich wie ein kleines Häufchen Elend, das man am besten einfach in irgendeine Ecke setzte und in Frieden ließ. Zu etwas anderem war ich ja scheinbar auch nicht zu gebrauchen.
Ich faltete das Taschentuch sorgfältig, in Gedanken versunken,mich anklagend, beschuldigend, bemitleidend, als mich etwas hartes traf und zurück schubste.
„Hey..!“, entfuhr es mir, ohne dass ich richtig wusste, was überhaupt gerade mit mir geschah. Eine Hand schlang sich um meinen Arm, hielt mich fest und gleichzeitig auf den Beinen und als ich den Blick hob, sah ich in das verdatterte Gesicht eines jungen Mannes. Und offensichtlich sah ich genauso verwirrt aus, denn er zog mich anständig auf die Füße und machte eine halbe Verbeugung.
„Oh, scheiße.“, hörte ich ihn leise fluchen, noch immer zu verwirrt, um selbst etwas zu sagen.
„Das tut mir richtig Leid, ich hab dich gar nicht gesehen! Ich bezahle dir natürlich die Reinigung!“
Ich stutzte. Erst dann sah ich an mir herab und bemerkte den riesigen Kaffeefleck, der bei dem Zusammenstoß entstanden war und mein Kleid versaut hatte.
„Oh..“, machte ich gedämpft und fragte mich, wie erbärmlich ich gerade aussehen musste, mit Fleck auf der Kleidung und völlig verheultem Gesicht.
„Ja.. ein Glück, dass ich so langsam trinke und der schon kalt war. Wie gesagt.. das tut mir wirklich Leid. Ich war so in Gedanken, da hab ich irgendwie nicht mehr darauf geachtet, wo ich hin laufe.“
Er sah mich entschuldigend an und zog eine Packung Taschentücher – genau die gleichen, günstigen, die ich auch habe – aus der Tasche und bot mir eins an, das ich zwar annahm, aber nicht benutzte.
„Macht nichts.“, meldete ich mich endlich zu Wort, schniefte noch einmal leise und schüttelte den Kopf ein wenig. „Ich hab auch nicht aufgepasst. Ich brauche keine Reinigung, ich werfe das Kleid nachher einfach in die Waschmaschine.“
Er sah mich ein wenig skeptisch an, wenngleich nicht unhöflich oder abwertend. Einfach nur so, als glaubte er nicht so recht an das, was ich ihm sagte.
„Sicher?“, hakte er nach. „Das sieht nicht wie eines der Kleider aus, die einfach so an der Stange hängen. Nicht gerade günstig, wenn du verstehst.. Aber ich hab auch keine Ahnung von Kleidern.“
Er schenkt mir ein Lächeln, das ich zögernd erwiderte.
„Nein, nein. Alles in Ordnung. Wenn ich ehrlich bin, war es sogar ziemlich günstig.“
Und dann lachte er.
„Ich bin Steve.“, stellte er sich anschließend vor, ehe wir uns die Hände schüttelten. „Du siehst nicht gut aus.. alles in Ordnung? Deine Schminke ist ganz verlaufen.“
Ich schämte mich, doch vermutlich war es sinnlos, sich herauszureden.
„Ja. Also, ich... es war einfach ein anstrengender Tag.“, versuchte ich zu erklären, doch er schien gar nicht großartig weiter bohren zu wollen. Vielleicht, weil er ahnte, dass es nur wieder die Wunde aufreißen würde.
„Ich lade dich auf einen Kaffee ein, wenn du magst.“, schlug Steve lächelnd vor. „Diesmal im Becher und nicht auf einem deiner Kleider...“
Ich zögerte, dachte an Toni zurück. Doch dann ah ich etwas auf Steves Wangen, das ich vorher noch nie bei einem meiner Dates entdeckt hatte. Er war rot geworden. Vielleicht vor Scham, vielleicht vor Aufregung. Doch es war ein körperliches Signal, das mir gefiel und dem ich vorher noch nie zuvor begegnet war. Und schlussendlich war es Grund genug, um zuzustimmen. Ein Kaffee, statt Kleid – vielleicht war das die Formel zum Glück, so primitiv sie auch klang.

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