Ein Klick nach dem anderen. Ich konnte mich kaum beherrschen. Der Monitor meines Computers boomte regelrecht vor geöffneten Browsern, in denen ich eine Suchmaschine nach der anderen an geschmissen hatte, um online nach einem passenden Kleid zu suchen.
Es sollte nicht irgendein Kleid sein, sondern eines der schönsten Kleider, die jemals geschnitten worden waren. Ich war entschlossen. Ich war zielstrebig. Und vor allem war ich verzweifelt. Nicht, weil ich vor lauter Kleidern kaum noch durchblickte, oder weil mein Rechner innerhalb der letzten vier Tage stolze sieben Mal unter der Last der Onlineplattformen zusammengebrochen war. Ich war verzweifelt, weil diese Situation, in der ich mich befand, so abgrundtief traurig und irgendwie kränkend war. Es war eine Frechheit, die man mir das angetan hatte und aus der ich mich nun mittels Online-Suchfunktion vergebens zu befreien versuchte.
Doch es war ausweglos. Und ich wusste das.
Ein Fenster nach dem anderen öffnete sich vor meine Nase, mein Kopf schwirrte schon vor lauter Kleidern, doch ich weigerte sich standhaft, nachzugeben und mich müde ins Bett zu legen. Schließlich hatte ich nur noch wenige Tage Zeit. Zwei Wochen, wenn ich es mir genauer durch den Kopf gehen ließ und bei dem Gedanken an das, was mir bevorstand, drehte sich mir urplötzlich der Magen um. Das war eine Zumutung, die man mir das aufgehalst hatte und obwohl ich wusste, dass jeder es verstehen können würde, wenn ich mich aus der Affäre zog, gestand ich mir selbst dieses Recht einfach nicht zu. Ich wollte einfach nicht klein beigeben. Ich schaffte das, wenn ich mich nur intensiv auf diesen einen Tag vorbereitete. Wenn ich nur an mich glaubte und mich von allem nicht verunsichern ließ, dann würde das ein Kinderspiel werden. Schließlich lag die Trennung schon mehr als zwei Jahre zurück.
Und wir hatten uns danach gut verstanden, er und ich. Waren wieder Freunde geworden, so, wie es vor unserer Beziehung der Fall gewesen war. Und obwohl ich diejenige gewesen war, de sich getrennt hatte, war ich nun auch diejenige, die unter dieser Situation zu leiden hatte. Denn ich bezweifelte, dass er die gleichen Qualen erduldete.
Ich verengte die Augen ein bisschen und starrte verbissen auf den Monitor, auf dem ich eine Seite nach der anderen durchforstete, Kleider ohne Ende in den Einkaufswagen verschob und gleichzeitig wusste, dass es völlig egal war, welches von ihnen ich online bestellen würde – es würde niemals schön genug sein, um mir diesen furchtbaren, mir bevorstehenden Tag auf irgendeine Art und Weise zu versüßen.
Das war gänzlich ausgeschlossen. Es konnte noch so viel kosten und aus noch so teurem Material gefertigt sein – es reichte nicht. Es reichte einfach nicht, um das zu kompensieren, was ich zu kompensieren hatte. Und das war eine ganze Menge. Nicht nur die Tatsache, dass ich derzeit keinen Partner hatte – er aber schon, sondern auch das damit sinkende Selbstwertgefühl, das ich innerhalb der nächsten zwei Wochen auch unmöglich wieder komplett herrichten konnte. Ich konnte es frisieren, schminken und in eines dieser teuren Kleider stecken, doch jeder, der genau genug hinsah, würde diese Maske durchschauen. Und das wollte ich nicht. Wer wollte das schon? Sich durchsichtig und nackt zu fühlen war sicherlich keines dieser Heiterkeitsgefühle, die man sich ruhig jeden Tag antun möchte. Das war ein ekliges, kaltes Gefühl, das man trinken musste wie eine bittere Medizin, an der man sich dann auch noch verschluckte. Durchweg negativ eben. Und genau davor hatte ich Angst. Zumindest auch.
Ich seufzte tief in mich hinein, fühlte die stetig wachsende Verzweiflung in meiner Brust und freundete mich zunehmend mit dem Gedanken an, mich auf der angehenden Veranstaltung einfach bis auf die Knochen zu betrinken. Denn blamieren würde ich mich so oder so.
Ja, Angst war neben der Verzweiflung das größte Gefühl, das ich derzeit mit mir herum schleppte. Sie war da und sie fraß mich auf. Angst vor seiner Familie. Angst davor, dass ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle haben würde. Angst vor ihr.
Und das alles wegen eines einzigen, lächerlichen Briefes, den ich bekommen hatte.
Kleider Online | Kleidoo mode
Samstag, 9. Juni 2012
Qual der Wahl
Es zerriss mich.
Mit jedem Meter, den wir näher an den Kleiderladen kamen, zerriss es mich innerlich immer mehr. Obwohl ich mehr als 16 Jahre Zeit gehabt habe, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, traf er mich nun doch unerwartet und hart.
„Ich finde es wirklich stark von dir, dass du mitkommst, weil Mama krank geworden ist!“, flötete Vanessa, meine 17-Jährige Tochter mir fröhlich zu und hängt sich kurz an meinen Arm. Auf meiner anderen Seite läuft Luisa, ein Jahr jünger als ihre Schwester, und schmunzelt vor sich hin. Sie ist weniger anhänglich, aber eben doch ein richtiges Mädchen. Das sind sie alle beide. Und obwohl es manchmal nicht ganz einfach in einem Haushalt mit lauter Frauen ist, habe ich nicht einen Tag bereut.
„Das wäre ganz schön teuer geworden, wenn wir uns die Kleider selber kaufen müssten.“, ergänzte Luisa und erntete von ihrer Schwester dafür einen bösen Blick.
Aber ich wusste, wie sie es gemeint hat. Luisa hatte den gleichen schwarzen Humor wie ich, vielleicht war sie deswegen eher das Papa-Kind.
Während die beide Mädchen sich, sobald wir den Laden betreten hatten, gleichzeitig von mir lösten und entfernten, um auf die Suche nach den perfekten Kleidern zu gehen, blieb ich alleine im Eingang zurück und fühlte mich tatsächlich verlassen. Es war vielleicht lächerlich und ich wusste in diesem Augenblick gar nicht, wie oft ich mit meiner Frau schon über dieses Thema nachgedacht und geredet hatte, doch jetzt, wo es endlich so weit war, fiel es mir schwer, meine Gefühle beisammen zu halten.
Ich war noch nie ein richtig emotionaler Mensch gewesen, doch für meine beiden Töchter würde ich alles tun. Deswegen biss ich jetzt auch in den sauren Apfel und begleitete die beiden zum Kleider kaufen. Obwohl ich erstens gar keine Ahnung von Kleidern oder Mode hatte und zweitens der Idee vom anstehenden Abschlussball Vanessas irgendwie skeptisch gegenüber stand. Natürlich, sie war fast erwachsen. Es war ja auch nicht so, als ob ich nicht wüsste, dass sie langsam aber sicher zu einer reifen Frau wurde, Doch sie war noch immer meine Tochter. Genau wie Luisa, die ihrer Schwester in Sachen Freund und Mode in nichts nachstand. Ihr geringer Altersunterschied war in der frühen Kindheit alles andere als angenehm gewesen. Fast, als hätten wir Zwillinge bekommen, doch inzwischen zahlte es sich sozusagen aus.
Ich seufzte tief bei dem Gedanken, die beiden Mädels demnächst in die unsichere Welt der Erwachsenen entlassen zu müssen, ließ mich auf einem der offenbar extra für Männer konzipierten Stühle nieder und vergrub kurz das Gesicht in der Hand.
Ich fühlte mich jetzt schon erledigt. Dabei ging es hier nur darum, Kleider zu kaufen. Immerhin musste ich mit keinem der Mädchen jemals zu Frauenarzt und das war doch schon mal viel wert.
„Papa!“, rief Luise ganz aufgeregt und noch bevor ich wirklich reagiere konnte, hatte sie mir vor lauter Vorfreude sanft gegen das Schienbein gestupst. Ich hob den Blick und sah das kleine Bisschen an Stoff in ihren Händen. „Guck dir das mal an! Ist das nicht traumhaft??“
Sie presste den Hauch von nichts an ihren schmalen Körper, drehte sich einmal im Kreis und sah mich freudestrahlend an. Doch so richtig überzeugt hatte sie mich nicht, und ich glaubte, dass sie das bereits ahnte.
„Nein.“, sagte ich entschieden, ohne weiter auszuführen. Ich musste stark bleiben, hart sein, denn ich wusste, dass ich mich viel zu oft von den beiden einlullen ließ. Das hielt meine Frau mir auch regelmäßig vor. Die Auflage, die sie mir zum einkaufen mitgegeben hatte, lautete: du darfst den Mädchen nur Kleider kaufen, in denen du mich auch mit vor die Tür nehmen würdest.
Und daran hielt ich mich. Nicht nur, weil sie unglaublich unausstehlich werden konnte, wenn sie erst mal krank war, was nicht oft, aber wenn, dann intensiv passierte.
Luisa verzog das Gesicht und ich ahnte, dass ihre zickige Seite gerade Oberhand gewann. Sie steckte noch mitten in der Pubertät und ich verglich sie oft scherzhaft mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber ein Funken Wahrheit steckte noch in jedem noch so schlechten Witz.
„Oh man, jetzt lass doch nicht den Spießer raus hängen!“, zeterte Luisa los und sah mich verständnislos an. Noch immer presste sie das vermutlich knappste aller Kleider an sich und legte den Kopf ein bisschen schief. Ihre Angriffsstellung, die ich nur zu gut kannte und oft genug gesehen hatte. Doch ich schüttelte energisch den Kopf und sah von meinem Stuhl aus zu ihr hinauf, obwohl sie ein wesentliches Stück kleiner war als ich.
„Ich sagte nein.“, wiederholte ich, bleib jedoch ruhig. „Ich sagte, ich gehe mit euch Kleider kaufen. Keine Dessous. Das, was du da hast, zieht man zu irgendeiner Fetischparty an, aber sicher nicht zum Abschlussball seiner großen Schwester. Es gibt so viele Kleider hier. Such dir doch einfach eines aus, das nicht nach erotischen Abenteuern schreit.“
Luisa öffnete den Mund, doch ihr schien kein passender Kommentar einzufallen. Also fluchte sie nur leise , klemmte sich das gewünschte Kleid trotzig unter den Arm und machte sich von dannen.
Kaum war sie weg, sprang mir sogleich Vanessa vor die Nase. Auch in ihren Händen hielt sie etwas. Ich hatte nicht geglaubt, dass es noch ein knapperes Kleid als das von Luisa gab, doch Vanessa bewies mir das Gegenteil.
Mit jedem Meter, den wir näher an den Kleiderladen kamen, zerriss es mich innerlich immer mehr. Obwohl ich mehr als 16 Jahre Zeit gehabt habe, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, traf er mich nun doch unerwartet und hart.
„Ich finde es wirklich stark von dir, dass du mitkommst, weil Mama krank geworden ist!“, flötete Vanessa, meine 17-Jährige Tochter mir fröhlich zu und hängt sich kurz an meinen Arm. Auf meiner anderen Seite läuft Luisa, ein Jahr jünger als ihre Schwester, und schmunzelt vor sich hin. Sie ist weniger anhänglich, aber eben doch ein richtiges Mädchen. Das sind sie alle beide. Und obwohl es manchmal nicht ganz einfach in einem Haushalt mit lauter Frauen ist, habe ich nicht einen Tag bereut.
„Das wäre ganz schön teuer geworden, wenn wir uns die Kleider selber kaufen müssten.“, ergänzte Luisa und erntete von ihrer Schwester dafür einen bösen Blick.
Aber ich wusste, wie sie es gemeint hat. Luisa hatte den gleichen schwarzen Humor wie ich, vielleicht war sie deswegen eher das Papa-Kind.
Während die beide Mädchen sich, sobald wir den Laden betreten hatten, gleichzeitig von mir lösten und entfernten, um auf die Suche nach den perfekten Kleidern zu gehen, blieb ich alleine im Eingang zurück und fühlte mich tatsächlich verlassen. Es war vielleicht lächerlich und ich wusste in diesem Augenblick gar nicht, wie oft ich mit meiner Frau schon über dieses Thema nachgedacht und geredet hatte, doch jetzt, wo es endlich so weit war, fiel es mir schwer, meine Gefühle beisammen zu halten.
Ich war noch nie ein richtig emotionaler Mensch gewesen, doch für meine beiden Töchter würde ich alles tun. Deswegen biss ich jetzt auch in den sauren Apfel und begleitete die beiden zum Kleider kaufen. Obwohl ich erstens gar keine Ahnung von Kleidern oder Mode hatte und zweitens der Idee vom anstehenden Abschlussball Vanessas irgendwie skeptisch gegenüber stand. Natürlich, sie war fast erwachsen. Es war ja auch nicht so, als ob ich nicht wüsste, dass sie langsam aber sicher zu einer reifen Frau wurde, Doch sie war noch immer meine Tochter. Genau wie Luisa, die ihrer Schwester in Sachen Freund und Mode in nichts nachstand. Ihr geringer Altersunterschied war in der frühen Kindheit alles andere als angenehm gewesen. Fast, als hätten wir Zwillinge bekommen, doch inzwischen zahlte es sich sozusagen aus.
Ich seufzte tief bei dem Gedanken, die beiden Mädels demnächst in die unsichere Welt der Erwachsenen entlassen zu müssen, ließ mich auf einem der offenbar extra für Männer konzipierten Stühle nieder und vergrub kurz das Gesicht in der Hand.
Ich fühlte mich jetzt schon erledigt. Dabei ging es hier nur darum, Kleider zu kaufen. Immerhin musste ich mit keinem der Mädchen jemals zu Frauenarzt und das war doch schon mal viel wert.
„Papa!“, rief Luise ganz aufgeregt und noch bevor ich wirklich reagiere konnte, hatte sie mir vor lauter Vorfreude sanft gegen das Schienbein gestupst. Ich hob den Blick und sah das kleine Bisschen an Stoff in ihren Händen. „Guck dir das mal an! Ist das nicht traumhaft??“
Sie presste den Hauch von nichts an ihren schmalen Körper, drehte sich einmal im Kreis und sah mich freudestrahlend an. Doch so richtig überzeugt hatte sie mich nicht, und ich glaubte, dass sie das bereits ahnte.
„Nein.“, sagte ich entschieden, ohne weiter auszuführen. Ich musste stark bleiben, hart sein, denn ich wusste, dass ich mich viel zu oft von den beiden einlullen ließ. Das hielt meine Frau mir auch regelmäßig vor. Die Auflage, die sie mir zum einkaufen mitgegeben hatte, lautete: du darfst den Mädchen nur Kleider kaufen, in denen du mich auch mit vor die Tür nehmen würdest.
Und daran hielt ich mich. Nicht nur, weil sie unglaublich unausstehlich werden konnte, wenn sie erst mal krank war, was nicht oft, aber wenn, dann intensiv passierte.
Luisa verzog das Gesicht und ich ahnte, dass ihre zickige Seite gerade Oberhand gewann. Sie steckte noch mitten in der Pubertät und ich verglich sie oft scherzhaft mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Aber ein Funken Wahrheit steckte noch in jedem noch so schlechten Witz.
„Oh man, jetzt lass doch nicht den Spießer raus hängen!“, zeterte Luisa los und sah mich verständnislos an. Noch immer presste sie das vermutlich knappste aller Kleider an sich und legte den Kopf ein bisschen schief. Ihre Angriffsstellung, die ich nur zu gut kannte und oft genug gesehen hatte. Doch ich schüttelte energisch den Kopf und sah von meinem Stuhl aus zu ihr hinauf, obwohl sie ein wesentliches Stück kleiner war als ich.
„Ich sagte nein.“, wiederholte ich, bleib jedoch ruhig. „Ich sagte, ich gehe mit euch Kleider kaufen. Keine Dessous. Das, was du da hast, zieht man zu irgendeiner Fetischparty an, aber sicher nicht zum Abschlussball seiner großen Schwester. Es gibt so viele Kleider hier. Such dir doch einfach eines aus, das nicht nach erotischen Abenteuern schreit.“
Luisa öffnete den Mund, doch ihr schien kein passender Kommentar einzufallen. Also fluchte sie nur leise , klemmte sich das gewünschte Kleid trotzig unter den Arm und machte sich von dannen.
Kaum war sie weg, sprang mir sogleich Vanessa vor die Nase. Auch in ihren Händen hielt sie etwas. Ich hatte nicht geglaubt, dass es noch ein knapperes Kleid als das von Luisa gab, doch Vanessa bewies mir das Gegenteil.
Kaffee statt Kleid
Ich war schon wieder kurz vorm Ausrasten, als ich in allergrößter Eile die Straße überquerte, kaum darauf achtend, dass diese gerade auf Rot übergesprungen war. Es war mir einfach egal. Das kleine Herz in meinem Brustkorb polterte wütend vor sich hin, als ich um die nächste Ecke bog und den Blick gereizt in meiner Handtasche versenkte.
Es war ja so typisch gewesen! Wie hatte ich auch nur diesen ungünstigen Tag wählen können, um bei Toni vorbeizuschauen. Es war so absehbar gewesen! Ich hätte es mir einfach denken können, doch anstatt auf meinen Verstand zu hören, hatte ich natürlich lieber die schmerzhafte Erfahrung machen müssen. Ich war und blieb eben ein hoffnungsloser Fall. Oder viel eher: die Männer, mit denen ich mich abgab, waren eben diese hoffnungslosen Fälle. Tränen drohten mir in die Augen zu schießen und ich hatte Mühe, den großen Kloß herunter zu schlucken, der sich in meinem Hals festgesetzt hatte.
Ich war wütend, enttäuscht und irgendwie verzweifelt, weil es leider nicht das erste Mal gewesen war, dass ich eine derartige Abfuhr erteilt bekam. Und ich wusste bei aller Liebe einfach nicht mehr, woran das liegen konnte.
Es war sicher nicht die Art, wie ich mich kleidete. Die Kleider, die ich trug, kamen immer gut an; sie waren frisch, süß, weiblich. Eben genau das, was Männer haben wollten, denn schließlich sprachen sie mich oft genug an. Was das betraf, kam mir mein Modegeschmack einfach sehr günstig gelegen. Er ersparte mir sozusagen das ewig lange Suchen nach dem perfekten Mann – ich hatte die freie Auswahl. Sie liebten meine Kleider. Nur leider nicht das, was darin steckte. Ich blieb stehen, suchte in meiner mit Blumen verzierten Handtasche, die ich besonders günstig vor einigen Wochen erstanden hatte, nach ein paar Taschentüchern, doch im Rausche meiner Gefühle wurde ich einfach nicht fündig.
Es machte mich fertig. Ich hatte das Gefühl, es war völlig egal, was ich tat. Sobald die Männer realisierten, dass hinter all den hübschen, kurzen Kleidern eine richtige Frau steckte, wurden sie zurückhaltend. Vielleicht hatten sie Angst, vielleicht langweilte ich sie einfach auch nur fürchterlich. Doch die Körbe, die ich bekam, taten inzwischen nur noch halb so sehr weh wie zu Beginn dieser Phase, in der die Männer mich wegzuwerfen begannen. Ich wusste nicht, was sich an mir verändert hatte. Ich hatte Ansprüche, ja, aber die waren durchaus zu erfüllen. Es musste doch irgendeine Art von Trick geben... irgendeine Formel, die es zu erfüllen galt, damit auch ja alles seinen richtigen Gang ging. Eine Superformel, sozusagen, von der ich allerdings keine Ahnung hatte, wo ich sie finden sollte.
Ich starrte mit wässrigem Blick weiterhin in meine Handtasche, dachte verzweifelt an all die Kleider zurück, die mir eigentlich hatten Glück bringen sollen statt tränen, und wühlte weiterhin nach einigen Taschentüchern.
Dabei war mit Toni wirklich alles gut gelaufen.
Vor zwei Wochen hatte er mich auf dem Geburtstag einer Freundin angesprochen, mir Komplimente gemacht. Kurzum, wir hatten uns wirklich gut verstanden. Es war, als hätten wir uns schon jahrelang gekannt und zufällig wiedergetroffen. Seit diesem Abend hatten wir regelmäßig telefoniert und nie, niemals war uns der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich hatte das Gefühl, ihm alles erzählen zu können, denn er wirkte aufmerksam und ehrlich, auch wenn wir diese zwei Wochen nur telefonisch Kontakt hatten. Das war besser als nichts gewesen und hatte mir stets ein Gefühl von einer Art Geborgenheit vermittelt. Deswegen hatte es sich anders angefühlt. Es war intensiv gewesen, auch ohne körperliche Nähe. Als wären wir füreinander bestimmt. Und dann das große Erwachen, das ich eigentlich hätte vorher sehen müssen. Von wegen weibliche Intuition. Ich war blind in diesen Schlund gelaufen, ohne mich nach rechts und links nach dem fließenden Verkehr umzusehen.
Ich schniefte leise vor mich hin, ergriff schließlich die günstigen Taschentücher und fummelte eines von ihnen aus der knisternden Verpackung.
Ich hatte ihn lediglich überraschen wollen und bei ihm zu Hause vor der Tür gestanden. Als mir eine andere Frau die Tür geöffnet hatte, war alles ziemlich eindeutig gewesen.
Toni hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mir irgendetwas zu erklären.
„Sorry, man.“, waren seine einzigen Worte gewesen. Sorry, man. Was zum Teufel sollte ich damit überhaupt anfangen? Diesen erbärmlichen Versuch einer Entschuldigung hätte er sich eigentlich ganz gut sonst wo rein schieben können, anstatt ihn in meine armen Ohren zu setzen! Das klang als wäre es für ihn nichts weiter als ein Spiel gewesen. Oder eine Beschäftigung, die er sich gesucht hatte, weil ihm unglaublich langweilig gewesen war.
Ich verfiel augenblicklich in Selbstmitleid, drückte mir das Taschentuch ins Gesicht und konnte mir nicht anders helfen: ich heulte los. Es waren dicke, brennende Tränen, die ich einfach nicht mehr zurück halten konnte. Grund dafür war nicht einmal Toni selbst. Nicht sein 'Sorry'. Nicht die andere Frau in seinem Türrahmen. Grund dafür war einfach nur die Tatsache, dass es das siebte Mal in Folge war, dass man mich einfach abschob, ohne mir wirklich eine Chance gegeben zu haben. Sieben Mal hatte mal mich nach dem ersten Date stehen gelassen, als hätte ich irgendeinen Fehler begangen, den ich aber einfach nicht finden konnte. Was war der Fehler! Was an mir war Grund genug um mich zu meiden?
War ich zu aufdringlich? War es denn wirklich zu viel für einen Mann, wenn ich einfach spontan bei ihm vorbei schaute, um ein paar Stunden mit ihm zu verbringen? Ganz unverfänglich und ohne bösen Hintergedanken?
Es war ja so typisch gewesen! Wie hatte ich auch nur diesen ungünstigen Tag wählen können, um bei Toni vorbeizuschauen. Es war so absehbar gewesen! Ich hätte es mir einfach denken können, doch anstatt auf meinen Verstand zu hören, hatte ich natürlich lieber die schmerzhafte Erfahrung machen müssen. Ich war und blieb eben ein hoffnungsloser Fall. Oder viel eher: die Männer, mit denen ich mich abgab, waren eben diese hoffnungslosen Fälle. Tränen drohten mir in die Augen zu schießen und ich hatte Mühe, den großen Kloß herunter zu schlucken, der sich in meinem Hals festgesetzt hatte.
Ich war wütend, enttäuscht und irgendwie verzweifelt, weil es leider nicht das erste Mal gewesen war, dass ich eine derartige Abfuhr erteilt bekam. Und ich wusste bei aller Liebe einfach nicht mehr, woran das liegen konnte.
Es war sicher nicht die Art, wie ich mich kleidete. Die Kleider, die ich trug, kamen immer gut an; sie waren frisch, süß, weiblich. Eben genau das, was Männer haben wollten, denn schließlich sprachen sie mich oft genug an. Was das betraf, kam mir mein Modegeschmack einfach sehr günstig gelegen. Er ersparte mir sozusagen das ewig lange Suchen nach dem perfekten Mann – ich hatte die freie Auswahl. Sie liebten meine Kleider. Nur leider nicht das, was darin steckte. Ich blieb stehen, suchte in meiner mit Blumen verzierten Handtasche, die ich besonders günstig vor einigen Wochen erstanden hatte, nach ein paar Taschentüchern, doch im Rausche meiner Gefühle wurde ich einfach nicht fündig.
Es machte mich fertig. Ich hatte das Gefühl, es war völlig egal, was ich tat. Sobald die Männer realisierten, dass hinter all den hübschen, kurzen Kleidern eine richtige Frau steckte, wurden sie zurückhaltend. Vielleicht hatten sie Angst, vielleicht langweilte ich sie einfach auch nur fürchterlich. Doch die Körbe, die ich bekam, taten inzwischen nur noch halb so sehr weh wie zu Beginn dieser Phase, in der die Männer mich wegzuwerfen begannen. Ich wusste nicht, was sich an mir verändert hatte. Ich hatte Ansprüche, ja, aber die waren durchaus zu erfüllen. Es musste doch irgendeine Art von Trick geben... irgendeine Formel, die es zu erfüllen galt, damit auch ja alles seinen richtigen Gang ging. Eine Superformel, sozusagen, von der ich allerdings keine Ahnung hatte, wo ich sie finden sollte.
Ich starrte mit wässrigem Blick weiterhin in meine Handtasche, dachte verzweifelt an all die Kleider zurück, die mir eigentlich hatten Glück bringen sollen statt tränen, und wühlte weiterhin nach einigen Taschentüchern.
Dabei war mit Toni wirklich alles gut gelaufen.
Vor zwei Wochen hatte er mich auf dem Geburtstag einer Freundin angesprochen, mir Komplimente gemacht. Kurzum, wir hatten uns wirklich gut verstanden. Es war, als hätten wir uns schon jahrelang gekannt und zufällig wiedergetroffen. Seit diesem Abend hatten wir regelmäßig telefoniert und nie, niemals war uns der Gesprächsstoff ausgegangen. Ich hatte das Gefühl, ihm alles erzählen zu können, denn er wirkte aufmerksam und ehrlich, auch wenn wir diese zwei Wochen nur telefonisch Kontakt hatten. Das war besser als nichts gewesen und hatte mir stets ein Gefühl von einer Art Geborgenheit vermittelt. Deswegen hatte es sich anders angefühlt. Es war intensiv gewesen, auch ohne körperliche Nähe. Als wären wir füreinander bestimmt. Und dann das große Erwachen, das ich eigentlich hätte vorher sehen müssen. Von wegen weibliche Intuition. Ich war blind in diesen Schlund gelaufen, ohne mich nach rechts und links nach dem fließenden Verkehr umzusehen.
Ich schniefte leise vor mich hin, ergriff schließlich die günstigen Taschentücher und fummelte eines von ihnen aus der knisternden Verpackung.
Ich hatte ihn lediglich überraschen wollen und bei ihm zu Hause vor der Tür gestanden. Als mir eine andere Frau die Tür geöffnet hatte, war alles ziemlich eindeutig gewesen.
Toni hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, mir irgendetwas zu erklären.
„Sorry, man.“, waren seine einzigen Worte gewesen. Sorry, man. Was zum Teufel sollte ich damit überhaupt anfangen? Diesen erbärmlichen Versuch einer Entschuldigung hätte er sich eigentlich ganz gut sonst wo rein schieben können, anstatt ihn in meine armen Ohren zu setzen! Das klang als wäre es für ihn nichts weiter als ein Spiel gewesen. Oder eine Beschäftigung, die er sich gesucht hatte, weil ihm unglaublich langweilig gewesen war.
Ich verfiel augenblicklich in Selbstmitleid, drückte mir das Taschentuch ins Gesicht und konnte mir nicht anders helfen: ich heulte los. Es waren dicke, brennende Tränen, die ich einfach nicht mehr zurück halten konnte. Grund dafür war nicht einmal Toni selbst. Nicht sein 'Sorry'. Nicht die andere Frau in seinem Türrahmen. Grund dafür war einfach nur die Tatsache, dass es das siebte Mal in Folge war, dass man mich einfach abschob, ohne mir wirklich eine Chance gegeben zu haben. Sieben Mal hatte mal mich nach dem ersten Date stehen gelassen, als hätte ich irgendeinen Fehler begangen, den ich aber einfach nicht finden konnte. Was war der Fehler! Was an mir war Grund genug um mich zu meiden?
War ich zu aufdringlich? War es denn wirklich zu viel für einen Mann, wenn ich einfach spontan bei ihm vorbei schaute, um ein paar Stunden mit ihm zu verbringen? Ganz unverfänglich und ohne bösen Hintergedanken?
Der Seelenverwandte
Ich war mehr als eine halbe Stunde zu früh am Treffpunkt, als ich mein Fahrrad gewissenhaft an einem der vorgesehen Plätze abschloss, den Schlüssel in meiner Handtasche verschwinden ließ und mich, trotz der viel zu frühen Uhrzeit, kurz umsah. Ich hatte die Stille Hoffnung, dass er vielleicht auch zu früh erschienen war, doch im Gegensatz zu mir war er offensichtlich pünktlich.
Ich richtete meine Haare kurz, strich mein Kleid glatt und lehnte mich dann an die Brüstung des Stegs, auf dem wir uns verabredet hatten.
Mein Puls beschleunigte sich mit jeder Minute ein bisschen mehr, doch ich gestattete mir diese Aufregung einfach mal. Schließlich war das mein erstes Date, das ich zuvor online ausgehandelt hatte, obwohl ich noch nie besonders viel davon gehalten hatte. Aber Benno hatte es mir einfach angetan. Er war nur wenige Jahre älter als ich, sah gut aus und hatte in den Wochen, in denen wir online miteinander geschrieben hatte, stets einen guten und sympathischen Eindruck auf mich gemacht. Ich wusste, dass es viele Vorurteile gegenüber Beziehungen gab, die auf einer Kennenlernphase beruhte, die online stattfand. Und noch vor einigen Monaten war ich genau einer dieser Kritiker gewesen. Doch Benno hatte mich einfach überzeugt. Das war die schlichte, treffende Wahrheit. Natürlich war mir bewusst, dass mit so einem Treffen, das ja noch immer nur mit einem Fremden stattfand, ein großes Risiko einher ging. Gerade deswegen hatte ich einen Ort ausgewählt, der möglichst belebt war, denn ich wollte ungern mit Benno alleine sein. Wer wusste schon, was für ein Mensch da auf mich zukam? Und nicht zuletzt hatte ich dadurch auch meine besorgte Mutter beruhigen müssen, die dem ganze ohnehin noch wesentlich misstrauischer gegenüber stand als ich selbst. Obwohl ich ihr mindestens ein halbes dutzend Mal versichert hatte, dass ich bei Benno ein wirklich gutes Gefühl hatte, war sie nicht von ihrer skeptischen Schiene abgekommen. Zuletzt hatten wir ausgemacht, dass ich mich um Punkt sieben Uhr telefonisch bei ihr meldet, ansonsten rief sie die Polizei. Das war eben meine Mutter. Vermutlich reagierte sie sogar noch angemessener als ich, doch wenn es um Benno ging, fehlte mir momentan einfach irgendwie der Überblick. Es war die erste Onlinebekanntschaft, die ich gemacht hatte, und dass ich dabei gleich einen glücklichen Treffer landete, kam selbst mir seltsam vor. Doch ich redete mir stets ein, dass ich über den wirklichen Gehalt dieser Bekanntschaft erst dann Bescheid wusste, wenn ich Benno persönlich begegnet war.. Und heute war es schließlich soweit.
Ich legte den Kopf ein wenig in den Nacken und genoss die sommerliche, sanfte Brise, die mir um die langen, blonden Haare wehte. Ich hatte mich extra in eines meiner schönsten Kleider geworden, war gestern beim Friseur gewesen. Hatte eben alles getan, um auf jeden Fall heute einen guten Eindruck auf ihn zu machen, auch wenn er mich bereits auf einigen Fotos gesehen hatte, die ich ihm hin und wieder rüber mailte.
Doch so ganz in live und in Farbe war es eben doch noch mal etwas anderes. Meistens sah man ja auf Fotos ohnehin wesentlich hübscher aus als im realen Leben. Daher hatte ich meine Bilder mit Absicht ein wenig heruntergespielt. Hatte mich nicht großartig in Pose geworfen oder das ganze online bearbeitet. Ich wollte seine Ansprüche an mich nicht allzu hoch schrauben, denn dann konnte ich schließlich am besten punkten. Ob er das allerdings genauso gehandhabt hatte wie ich, dessen war ich mir nicht ganz so sicher. Auf jedem der Fotos, das er mir online gemailt hatte, hatte er fabelhaft ausgesehen. Stattlich, attraktiv, aber nicht überheblich oder arrogant. Viele seiner Ansichten in Bezug auf Politik oder Wirtschaft teilte ich; vielleicht gingen uns genau deswegen nie die Gesprächsthemen aus. Oft chatteten wir stundenlang miteinander, ohne dass einem von uns beiden dabei langweilig wurde.
Ich presste die Lippen kurz aufeinander, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich hier stand und auf ihn wartete. Alles fühlte sich so irreal an und irgendwie viel zu gut an. Auch, wenn es da noch diesen leisen Zweifel in meinem Hinterkopf gab...
Ich öffnete die Augen und blickte nachdenklich in die Wolken, mich mit den Ellenbogen auf dem Geländer abstützend.
Vermutlich war es nicht, doch es gab etwas, das mich schon von Anfang an ein bisschen stutzig gemacht hatte. Und dass war die Art und Weise wie Benno über Kleider sprach. Nicht, dass er dieses Thema jemals von sich aus angeschnitten hätte – das wäre dann doch zu skurril gewesen. Aber immer, wenn ich ihm erzählte, dass ich mir neue Kleider gekauft hatte, dann hatte er mit einem unglaublichen Fachwissen prahlen können. Er kannte die großen Marken und Labels, war ehrlich, wenn ich ihn fragte, ob die von mir gekauften Kleider auch tatsächlich zu mir passten – was wohl nicht immer der Fall gewesen zu sein schien – und hatte sowieso ein gutes Auge dafür, was mir stand und was nicht. Der Mann, entsprungen aus den Träumen einer jeden Frau. Er war verständnisvoll und klug, einsichtig, aber doch irgendwie beharrlich. Es waren all diese Dinge die ich an ihm mochte. Dass er sich tatsächlich dafür zu interessieren schien, dass ich mich eben für Kleider interessierte – das war nur irgendwie das I-Tüpfelchen auf dieser ganzen Onlinebeziehung gewesen. Falls man es überhaupt in eine richtige Beziehung einordnen durfte, denn so richtig zusammen waren wir ja eigentlich nicht. Ich war mir bisher auch einfach noch nicht sicher, ob es wirklich ein Hauch von Liebe war, der mich jedes Mal dann durchfuhr, wenn ich sah, dass er online war. Ob es wirklich Liebe war, die mir im Magen herum sprang, wenn wir miteinander schrieben oder telefonierten.
Das Erbe
„Es wäre nett, wenn sie das ganze einfach ein bisschen Kürzen würden.“
Eine Frau mittleren Alters verweist nebensächlich auf den Saum des Kleides, den es zu bearbeiten galt, während ich mir einige Notizen dazu machte.
Sie trug ein teures, geschmackloses Kostüm, das ich nicht einmal dann angezogen hätte, wenn es aus puren Gold gefertigt worden wäre. Es war hässlich. Durch und durch hässlich und deswegen passte es irgendwie zu ihr.
„Das dürfte kein Problem sein.“, antwortete ich, auch wenn sie mir natürlich keine Frage gestellt hatte. Das tat kaum eine von all den Kundinnen, die mich hier schon im Laufe meiner Karriere – wenn man das so nennen durfte – aufgesucht hatten.
Die ältere Dame verabschiedete sich nicht einmal von mir, sondern verkündete nur, dass sie in gegen Abend noch einmal wiederkehren und dann das Kleid abholen würde. Kurz darauf verschwand sie wortlos und stieg in ihren überteuerten Wagen ein.
Ich blieb alleine zurück, inmitten all dieser Kleider, die ich entweder schon bearbeitet hatte, oder die ich mir in den kommenden Tagen noch würde vor knüpfen müssen.
Ich seufzte leise in mich hinein und legte das Kleid der Dame wie einen kostbaren Schatz über die Rückenlehne eines Sessels, auf dem ich die meisten meiner Arbeiten ausführte. Es war ein Erbstück meiner Mutter, die vor wenigen Jahren verstorben war, und bedeutete mir seitdem mehr als alles andere. Seit ich den Shop alleine führte, hatte ich leider einige Änderungen vornehmen müssen.
Der Gedanke daran betrübte mich, doch jede von ihnen war notwendig gewesen, um den Shop und nicht zuletzt mich selbst über Wasser zu halten.
Es war nur eine kleine Schneiderei, die führte und die vor mir meiner Mutter gehört hatte. Es waren gerade mal drei Räume, von denen jeder als möglicher Arbeitsplatz herhalten musste. Überall hingen Kleider, Hosen, Hemden... aber in erster Linie eben doch Kleider, denn vornehmlich ältere Frauen wie die Kundin von eben suchten mich auf. Ich hatte mir durch einige meine Änderungsmaßnahmen einen guten Ruf machen können, der mich jetzt jedoch mit seiner dunklen Seite einzuholen schien. Tagtäglich arbeitete ich mir die Finger blutig, verdiente kaum etwas von dem, was einige der Kleider kosteten und hatte schon seit langer, langer Zeit keinen richtigen Urlaub mehr gehabt. Auch in Sachen Liebe und Beziehungen blieb irgendetwas auf der Strecke. Meist ich. Aber nach all der Mühe, die meine Mutter in jungen Jahren in diesen Shop gesteckt hatte, weigerte ich mich nun nach ihrem Tod ihn zu verkaufen. Ihn einfach aufzugeben, denn das hatte sie nicht verdient. Und dieser Laden auch nicht.
Stattdessen hatte ich mich also wenige Monate nach ihrem Tod vor meinen Computer gesetzt. Damals standen mir die Schulden bis zum Hals, Kredite blieben aus, das Geld war knapp. Auch mein Vater, der leider keine Ahnung von Schneiderei und Näherei hatte, war dabei keine große Hilfe. Er bot mir all seine Ersparnisse an, doch auch das war nicht das gelbe vom Ei. Ich wollte nicht, dass er sich für diesen Laden opferte. Also hatte ich mir eine andere Strategie ausdenken müssen und den Laden einfach ins 21. Jahrhundert katapultiert.
Kurzum: ich hatte aus dem einfachen Laden um die Ecke einen Online-Shop gemacht. Mit allem drum und dran, denn ein Bekannter von mir hatte großzügig seine Hilfe angeboten und mir damit einen Großteil der Arbeit abgenommen. Und es hatte durchaus funktioniert, sich gelohnt. Seit der Online-Shop existierte, kamen Aufträge ohne Ende heran, aus jeder gesellschaftlichen und sozialen Schicht und ich fühlte mich schlagartig darin bestätigt, dass das Internet als Medium längst das Fernsehen abgelöst hatte.
Ich seufzte abermals, sah mich in meinem kleinen Laden um und legte den Kopf ein wenig schief, während ich nachdachte.
Natürlich war es schwer, diesen Shop alleine zu führen, eben besonders seit ich online gegangen war und nun mehr Aufträge bekam, als ich eigentlich alleine bearbeiten konnte. Aber ich tat es ja nicht nur für mich, sondern auch für meine Mutter und meinen Vater. Und deswegen weigerte ich mich auch nur eines der Kleider abzulehnen, die an mich herangetragen wurden. Ich behandelte sie alle, fühlte mich wie ein ganz spezieller Arzt für die Mode des Menschen und bereute keinen einzigen Tag, den ich in diesem Shop verbracht hatte. Schon als Kind hatte ich eine besondere Beziehung zu all den Kleidern aufgebaut, die meine Mutter um sich geschart hatte, wenn sie arbeitete. Sie war die begabteste Schneiderin gewesen, der ich je in meinem Leben begegnet war und jedes Mal, wenn sie eines der Kleider kürzte, verschönerte, verbesserte, inspirierte sie mich mehr. Mein Leben lang war ich ihr und ihrem Talent nach geeifert und umso schwerer war es für mich gewesen, als sie vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
Ich schloss die Augen für einen ganz kurzen, innigen Moment und machte ein paar langsame, aber bedachte Schritte an den Kleiderständern vorbei. Meine Finger tasteten vorsichtig über den weichen Stoff, erfühlten die eine oder andere Tasche, manchmal eine Naht und versetzten mich innerlich damit in ein Gefühl völliger Ekstase.
Eine Frau mittleren Alters verweist nebensächlich auf den Saum des Kleides, den es zu bearbeiten galt, während ich mir einige Notizen dazu machte.
Sie trug ein teures, geschmackloses Kostüm, das ich nicht einmal dann angezogen hätte, wenn es aus puren Gold gefertigt worden wäre. Es war hässlich. Durch und durch hässlich und deswegen passte es irgendwie zu ihr.
„Das dürfte kein Problem sein.“, antwortete ich, auch wenn sie mir natürlich keine Frage gestellt hatte. Das tat kaum eine von all den Kundinnen, die mich hier schon im Laufe meiner Karriere – wenn man das so nennen durfte – aufgesucht hatten.
Die ältere Dame verabschiedete sich nicht einmal von mir, sondern verkündete nur, dass sie in gegen Abend noch einmal wiederkehren und dann das Kleid abholen würde. Kurz darauf verschwand sie wortlos und stieg in ihren überteuerten Wagen ein.
Ich blieb alleine zurück, inmitten all dieser Kleider, die ich entweder schon bearbeitet hatte, oder die ich mir in den kommenden Tagen noch würde vor knüpfen müssen.
Ich seufzte leise in mich hinein und legte das Kleid der Dame wie einen kostbaren Schatz über die Rückenlehne eines Sessels, auf dem ich die meisten meiner Arbeiten ausführte. Es war ein Erbstück meiner Mutter, die vor wenigen Jahren verstorben war, und bedeutete mir seitdem mehr als alles andere. Seit ich den Shop alleine führte, hatte ich leider einige Änderungen vornehmen müssen.
Der Gedanke daran betrübte mich, doch jede von ihnen war notwendig gewesen, um den Shop und nicht zuletzt mich selbst über Wasser zu halten.
Es war nur eine kleine Schneiderei, die führte und die vor mir meiner Mutter gehört hatte. Es waren gerade mal drei Räume, von denen jeder als möglicher Arbeitsplatz herhalten musste. Überall hingen Kleider, Hosen, Hemden... aber in erster Linie eben doch Kleider, denn vornehmlich ältere Frauen wie die Kundin von eben suchten mich auf. Ich hatte mir durch einige meine Änderungsmaßnahmen einen guten Ruf machen können, der mich jetzt jedoch mit seiner dunklen Seite einzuholen schien. Tagtäglich arbeitete ich mir die Finger blutig, verdiente kaum etwas von dem, was einige der Kleider kosteten und hatte schon seit langer, langer Zeit keinen richtigen Urlaub mehr gehabt. Auch in Sachen Liebe und Beziehungen blieb irgendetwas auf der Strecke. Meist ich. Aber nach all der Mühe, die meine Mutter in jungen Jahren in diesen Shop gesteckt hatte, weigerte ich mich nun nach ihrem Tod ihn zu verkaufen. Ihn einfach aufzugeben, denn das hatte sie nicht verdient. Und dieser Laden auch nicht.
Stattdessen hatte ich mich also wenige Monate nach ihrem Tod vor meinen Computer gesetzt. Damals standen mir die Schulden bis zum Hals, Kredite blieben aus, das Geld war knapp. Auch mein Vater, der leider keine Ahnung von Schneiderei und Näherei hatte, war dabei keine große Hilfe. Er bot mir all seine Ersparnisse an, doch auch das war nicht das gelbe vom Ei. Ich wollte nicht, dass er sich für diesen Laden opferte. Also hatte ich mir eine andere Strategie ausdenken müssen und den Laden einfach ins 21. Jahrhundert katapultiert.
Kurzum: ich hatte aus dem einfachen Laden um die Ecke einen Online-Shop gemacht. Mit allem drum und dran, denn ein Bekannter von mir hatte großzügig seine Hilfe angeboten und mir damit einen Großteil der Arbeit abgenommen. Und es hatte durchaus funktioniert, sich gelohnt. Seit der Online-Shop existierte, kamen Aufträge ohne Ende heran, aus jeder gesellschaftlichen und sozialen Schicht und ich fühlte mich schlagartig darin bestätigt, dass das Internet als Medium längst das Fernsehen abgelöst hatte.
Ich seufzte abermals, sah mich in meinem kleinen Laden um und legte den Kopf ein wenig schief, während ich nachdachte.
Natürlich war es schwer, diesen Shop alleine zu führen, eben besonders seit ich online gegangen war und nun mehr Aufträge bekam, als ich eigentlich alleine bearbeiten konnte. Aber ich tat es ja nicht nur für mich, sondern auch für meine Mutter und meinen Vater. Und deswegen weigerte ich mich auch nur eines der Kleider abzulehnen, die an mich herangetragen wurden. Ich behandelte sie alle, fühlte mich wie ein ganz spezieller Arzt für die Mode des Menschen und bereute keinen einzigen Tag, den ich in diesem Shop verbracht hatte. Schon als Kind hatte ich eine besondere Beziehung zu all den Kleidern aufgebaut, die meine Mutter um sich geschart hatte, wenn sie arbeitete. Sie war die begabteste Schneiderin gewesen, der ich je in meinem Leben begegnet war und jedes Mal, wenn sie eines der Kleider kürzte, verschönerte, verbesserte, inspirierte sie mich mehr. Mein Leben lang war ich ihr und ihrem Talent nach geeifert und umso schwerer war es für mich gewesen, als sie vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
Ich schloss die Augen für einen ganz kurzen, innigen Moment und machte ein paar langsame, aber bedachte Schritte an den Kleiderständern vorbei. Meine Finger tasteten vorsichtig über den weichen Stoff, erfühlten die eine oder andere Tasche, manchmal eine Naht und versetzten mich innerlich damit in ein Gefühl völliger Ekstase.
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