„Es wäre nett, wenn sie das ganze einfach ein bisschen Kürzen würden.“
Eine Frau mittleren Alters verweist nebensächlich auf den Saum des Kleides, den es zu bearbeiten galt, während ich mir einige Notizen dazu machte.
Sie trug ein teures, geschmackloses Kostüm, das ich nicht einmal dann angezogen hätte, wenn es aus puren Gold gefertigt worden wäre. Es war hässlich. Durch und durch hässlich und deswegen passte es irgendwie zu ihr.
„Das dürfte kein Problem sein.“, antwortete ich, auch wenn sie mir natürlich keine Frage gestellt hatte. Das tat kaum eine von all den Kundinnen, die mich hier schon im Laufe meiner Karriere – wenn man das so nennen durfte – aufgesucht hatten.
Die ältere Dame verabschiedete sich nicht einmal von mir, sondern verkündete nur, dass sie in gegen Abend noch einmal wiederkehren und dann das Kleid abholen würde. Kurz darauf verschwand sie wortlos und stieg in ihren überteuerten Wagen ein.
Ich blieb alleine zurück, inmitten all dieser Kleider, die ich entweder schon bearbeitet hatte, oder die ich mir in den kommenden Tagen noch würde vor knüpfen müssen.
Ich seufzte leise in mich hinein und legte das Kleid der Dame wie einen kostbaren Schatz über die Rückenlehne eines Sessels, auf dem ich die meisten meiner Arbeiten ausführte. Es war ein Erbstück meiner Mutter, die vor wenigen Jahren verstorben war, und bedeutete mir seitdem mehr als alles andere. Seit ich den Shop alleine führte, hatte ich leider einige Änderungen vornehmen müssen.
Der Gedanke daran betrübte mich, doch jede von ihnen war notwendig gewesen, um den Shop und nicht zuletzt mich selbst über Wasser zu halten.
Es war nur eine kleine Schneiderei, die führte und die vor mir meiner Mutter gehört hatte. Es waren gerade mal drei Räume, von denen jeder als möglicher Arbeitsplatz herhalten musste. Überall hingen Kleider, Hosen, Hemden... aber in erster Linie eben doch Kleider, denn vornehmlich ältere Frauen wie die Kundin von eben suchten mich auf. Ich hatte mir durch einige meine Änderungsmaßnahmen einen guten Ruf machen können, der mich jetzt jedoch mit seiner dunklen Seite einzuholen schien. Tagtäglich arbeitete ich mir die Finger blutig, verdiente kaum etwas von dem, was einige der Kleider kosteten und hatte schon seit langer, langer Zeit keinen richtigen Urlaub mehr gehabt. Auch in Sachen Liebe und Beziehungen blieb irgendetwas auf der Strecke. Meist ich. Aber nach all der Mühe, die meine Mutter in jungen Jahren in diesen Shop gesteckt hatte, weigerte ich mich nun nach ihrem Tod ihn zu verkaufen. Ihn einfach aufzugeben, denn das hatte sie nicht verdient. Und dieser Laden auch nicht.
Stattdessen hatte ich mich also wenige Monate nach ihrem Tod vor meinen Computer gesetzt. Damals standen mir die Schulden bis zum Hals, Kredite blieben aus, das Geld war knapp. Auch mein Vater, der leider keine Ahnung von Schneiderei und Näherei hatte, war dabei keine große Hilfe. Er bot mir all seine Ersparnisse an, doch auch das war nicht das gelbe vom Ei. Ich wollte nicht, dass er sich für diesen Laden opferte. Also hatte ich mir eine andere Strategie ausdenken müssen und den Laden einfach ins 21. Jahrhundert katapultiert.
Kurzum: ich hatte aus dem einfachen Laden um die Ecke einen Online-Shop gemacht. Mit allem drum und dran, denn ein Bekannter von mir hatte großzügig seine Hilfe angeboten und mir damit einen Großteil der Arbeit abgenommen. Und es hatte durchaus funktioniert, sich gelohnt. Seit der Online-Shop existierte, kamen Aufträge ohne Ende heran, aus jeder gesellschaftlichen und sozialen Schicht und ich fühlte mich schlagartig darin bestätigt, dass das Internet als Medium längst das Fernsehen abgelöst hatte.
Ich seufzte abermals, sah mich in meinem kleinen Laden um und legte den Kopf ein wenig schief, während ich nachdachte.
Natürlich war es schwer, diesen Shop alleine zu führen, eben besonders seit ich online gegangen war und nun mehr Aufträge bekam, als ich eigentlich alleine bearbeiten konnte. Aber ich tat es ja nicht nur für mich, sondern auch für meine Mutter und meinen Vater. Und deswegen weigerte ich mich auch nur eines der Kleider abzulehnen, die an mich herangetragen wurden. Ich behandelte sie alle, fühlte mich wie ein ganz spezieller Arzt für die Mode des Menschen und bereute keinen einzigen Tag, den ich in diesem Shop verbracht hatte. Schon als Kind hatte ich eine besondere Beziehung zu all den Kleidern aufgebaut, die meine Mutter um sich geschart hatte, wenn sie arbeitete. Sie war die begabteste Schneiderin gewesen, der ich je in meinem Leben begegnet war und jedes Mal, wenn sie eines der Kleider kürzte, verschönerte, verbesserte, inspirierte sie mich mehr. Mein Leben lang war ich ihr und ihrem Talent nach geeifert und umso schwerer war es für mich gewesen, als sie vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
Ich schloss die Augen für einen ganz kurzen, innigen Moment und machte ein paar langsame, aber bedachte Schritte an den Kleiderständern vorbei. Meine Finger tasteten vorsichtig über den weichen Stoff, erfühlten die eine oder andere Tasche, manchmal eine Naht und versetzten mich innerlich damit in ein Gefühl völliger Ekstase.
Ich brauchte das. Diese Kleider um mich herum, genau so wie meine Mutter es damals gebraucht hatte. Ich mochte es, unter Menschen zu sein, doch nur hier in meinem Shop fühlte ich mich richtig, richtig wohl. Deswegen verbrachte ich oft mehrere Tage und Nächte in Folge hier; das dritte, kleinste Zimmer des Ladens war sozusagen mein provisorisch eingerichtetes Nachtlager, bestehend aus einer einfachen Matratze und zwei Decken. Ich legte nicht viel wert auf Luxus, es war mir lediglich wichtig, nahe bei den Kleidern zu sein. Deswegen war dieser Online-Shop, den ich hatte anlegen lassen, auch nicht das selbe. Es steigerte den Umsatz und den Bekanntheitsgrad, doch es war eben nicht das gleiche Gefühl. Kaum zu vergleichen.
Ich zog eines der Kleider hervor, presste es vorsichtig an meinen Körper und drehte mich einmal kurz damit im Kreis. Es ging mir nicht einmal darum, so reich oder wohlhabend zu sein, wie es viele meiner Kundinnen waren. Es ging mir auch nicht darum, ein Kleid zu besitzen, das aus den edelsten Stoffen bestand oder von einem berühmten Designer entworfen worden war. Ich mochte Kleider, die aussahen, als hätten sie mir eine Geschichte zu erzählen. Als hätten sie eine ganze Menge in ihrem Leben erlebt und nur ewig darauf gewartet hier bei mir zu landen, um jede einzelne Geschichte loszuwerden. Das waren die Kleider, die ich liebte und die ich am liebsten behalten würde. Doch dafür reichte mein monatliches Budget bei Weitem nicht aus. Es langte eben gerade so, um die Miete und Stromkosten für den Shop zu bezahlen und vielleicht noch für die Instandhaltung der Online-Seite zu sorgen. Alles, was darüber hinaus ging, war einfach utopisch. Ich wohnte noch zuhause, deswegen kam mein Vater für die meisten meiner Lebensmittel aus und allein das war mir schon sehr unangenehm. Er hielt es für selbstverständlich, doch ich hatte mir fest vorgenommen, ihm irgendwann alles zurückzuzahlen.
Ich betrachtete das Kleid einen Moment lang, seufzte dann erneut in mich hinein und hängte es so sorgfältig zurück, wie ich es mir vorher genommen hatte.
Ich wollte keine Prinzessin sein, die sich alle Kleider der Welt leisten konnte. Mir würde eines reichen. Und ich arbeitete daran. Schon seit einigen Jahren feilte ich an meiner Skizze herum, meinem Design. Ich hatte angefangen, mir mein eigenes Kleid zu entwerfen, mir jedem Makel, den ich haben wollte, mir jeder Naht genau dort, wo sie sein sollte. Es sollte ein perfektes Kleid werden, das nur für mich existierte, nur mir stand und an meinen Körper passte wie eine zweite, dünne Haut. Das alles stand allerdings ganz am Ende meiner Liste. Vorher musste ich die Schulden bei meinem Vater begleichen. Das hatte höchste Priorität und war etwas, da sich mir einfach ganz fest vorgenommen hatte.
Ich nahm das Kleid in die Hände, das mir die Kundin eben da gelassen hatte, ließ mich dann auf dem Sessel nieder, auf dem früher immer meine Mutter gesessen hatte und fuhr mit den Fingerspitzen über den Stoff.
Ein schönes Kleid, das in gar keinem Verhältnis zu dem Kostüm stand, das die Dame vorhin getragen hatte. Zum Glück. Es sah edel, aber nicht überteuert aus und hatte die perfekte Farbe. Eine ausgeglichene Mischung aus blau und grün, ohne allzu intensiv ins Türkise zu gehen. Eine schöne Farbe... Sie erinnerte mich an die Augen meiner Mutter und verpasste mir damit einen emotionalen Tiefschlag, den ich nur schwer wegstecken konnte.
Sie fehlte mir noch immer. Trotz all der Neuerungen im Shop, trotz all der Zeit, die vergangen war, fehlte meine Mutter mir heute noch genau so wie am ersten Tag. Das einzige, was mich diesbezüglich tröstete, war die Tatsache, dass ich mit meiner Trauer nicht alleine war.
Just in diesem Moment, in dem mich dieser Gedanke überkam, klingelte die Tür des Shops neben mir und bekannte Schritte kündigten mir das Eintreffen meines Vaters an.
„Na du, ich hab dir ein bisschen was zu Essen mitgebracht. Du arbeitest schon wieder so viel, meine Liebe..“
Er lächelte und stellte die gefüllten Beutel auf dem Tresen ab, während er mich musterte.
„Du bist wie deine Mutter.“
Und in seinen Augen konnte ich lesen, dass er durch und durch froh darüber war.

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